Die Schönheit unserer Schrift in Stein gemeißelt

Seit 1900 Jahren steht in Rom die Trajanssäule

Deutsche Sprachwelt, 14 (2013), 2, S. 7

In Rom an der Via dei Fori Imperiali entdecken wir das Trajansforum, das am besten erhaltene Kaiserforum. In seiner Mitte erhebt sich die Trajanssäule, die auch ein Schriftdenkmal ist.

Der römische Kaiser Marcus Ulpius Traianus (53–117) führte das Römische Reich zu höchster Macht und Größe: durch Kriege gegen die Parther im heutigen Iran, die Juden in der damaligen römischen Provinz Judäa, die Assyrer im heutigen Irak und die Daker im heutigen Rumänien.

Er ließ sich sein Kaiserforum von dem Architekten Apollodor von Damaskus errichten. Auf dem Forum ist die Trajanssäule das einzige unbeschädigte Monument zwischen den Ruinen zweier Bibliotheken. Trajans Siegessäule und Grabmal wurden am 12. Mai 113 eingeweiht, also vor 1900 Jahren.

Die fast vierzig Meter hohe Trajanssäule behauptet sich gegenüber der gewaltigen Basilica Ulpia als Aussichtspunkt und prägt das Trajansforum. Über dem würfelförmigen Sockel strebt der fast dreißig Meter hohe Schaft empor, der ein Podest mit dem Standbild des Apostels Paulus trägt.

Das ursprüngliche vergoldete Standbild des Kaisers ging im Mittelalter verloren. Auch die goldene Urne mit seiner Asche im Sockel gibt es nicht mehr. Von dem Altar im Sockel führt eine Wendeltreppe durch den hohlen Schaft zur Aussichtsplattform.

Außen am Säulenschaft aus griechischem Marmor ist ein 200 Meter langes, spiralförmiges Relief mit 23 Windungen wie eine antike Buchrolle angebracht. Die dort in den feinsten Einzelheiten dargestellten 2500 menschlichen Figuren in bis zu 75 Zentimetern Größe berichten von Trajans Dakerkriegen.

Anmutig, stilvoll, schön

Die Inschrift über der Tür des Sockels drückt die Ehrerbietung für den siegreichen Herrscher und das Ausmaß der Erdarbeiten an einem Hügel aus. Die Schrifttafel der Trajanssäule ist ein Meisterwerk der römischen Schriftkunst.

Diese Steintafel ist 115 Zentimeter hoch und 275 Zentimeter breit. Die Schrift füllt die ganze Fläche. Die sechs Schriftzeilen auf der Tafel verringern ihre Höhe von ungefähr 11,5 Zentimeter der ersten zwei Zeilen bis etwa 9,5 Zentimeter der letzten Zeile.

Die Abstände zwischen den Zeilen verringern sich von 7,5 auf 7 Zentimeter. Die unterschiedlichen Zeilenhöhen und Zeilenabstände wirken der optischen Verkürzung bei zunehmender Entfernung entgegen.

Die stilvoll schöne Ausstrahlung der Buchstaben wird durch ihre Proportionen, den Wechsel von schmalen und breiten Strichen sowie den Ausgleich optischer Täuschungen hervorgerufen.

Die römische Monumentalschrift (Capitalis Monumentalis) hat nur Großbuchstaben, keine Wortabstände und Silbentrennung. Die Wörter sind durch dreieckige Punkte voneinander getrennt. Die geometrischen Formen Kreis, Dreieck und Quadrat/Rechteck verleihen den Umrissen der Buchstaben Lebendigkeit.

Die Buchstabenendstriche, die Serifen, verstärken die waagerechte Linienführung in der oberen und unteren Begrenzung der Zeilen und betonen die edlen Formen.

Für die Anmut dieser schönen Schrift stehen das T und das D. Die Serifen des T haben einen unterschiedlichen Aufstrich. Der Bogen des D reicht unter die Grundlinie. Unverwechselbar machen diese Schrift die Buchstaben Q und P.

Die klassische Form des Q besteht aus einem langen schön gebogenen Schweif, der den benachbarten Buchstaben weit unterragt. Beim P ist der Bogen nicht ganz geschlossen. Das I ist der schmalste und das M der breiteste Buchstabe.

Der Wechsel der Strichstärke trägt zur Ausgeglichenheit der Buchstaben bei. Die Strichstärke entspricht ungefähr dem Zehntel der Buchstabenhöhe. Striche von oben links nach unten rechts sind dicker und von oben rechts nach unten links dünner.

Die einer optischen Täuschung unterliegenden Buchstaben sind leicht über die Schriftlinie hinaus vergrößert. Es handelt sich dabei um solche mit einer oben oder unten auslaufenden Spitze (V) oder einem Kreisbogen (O,S,C). Das Gleichmaß innerhalb der Zeilen wird durch den optischen Ausgleich der Buchstabenzwischenräume erzeugt.

Die Buchstaben sind bis heute in Gebrauch

Das Beeindruckende und Denkwürdige an der Schrifttafel der Trajanssäule ist, daß wir heute noch dieses lateinische Alphabet schreiben. Die Großbuchstaben (Majuskeln) auf der edlen Steintafel sind älter als 1900 Jahre, haben eine siebenhundertjährige Vorgeschichte in Westgriechenland und Mittelitalien bei den Etruskern.

Die Schreibmeister des Mittelalters und der Neuzeit konnten bei ihren Schriftgestaltungen das maßvolle, kühne Inschriftalphabet nicht übertreffen. Sie entwickelten jedoch im Verlauf von sieben Jahrhunderten die Kleinbuchstaben (Minuskeln).

Die karolingischen Minuskeln des französischen Königsklosters Corbie in der Karolingerzeit (714–843) bilden die Grundlage unserer heutigen lateinischen Kleinbuchstaben.

Reisender, kommst du zur 1900-Jahr-Feier der Trajanssäule nach Rom, fotografiere nicht nur die Bildhauerkunst, sondern entdecke auch die Schönheit und Anmut der Schriftkunst!

Der hohe Anspruch des lateinischen Alphabets hat zu allen Zeiten bis in die Gegenwart Schriftkünstler, Graphiker, Maler, Schriftgestalter und Kunsterzieher angeregt. Albrecht Dürer (1471–1528) setzte sich tiefgründig mit dem Formenaufbau des Großbuchstabenalphabets auseinander.

Er schnitzte für Kaiser Maximilian I. (1459–1519) in Holz die monumentale Ehrenpforte mit der Schriftgestaltung des Schreibmeisters Johann Neudörffer des Älteren (1497–1562).

Kühn und wuchtig, logisch und überpersönlich

Heute legen unsere Lehrer der Schreibkunst nach wie vor nicht nur Wert auf Lesbarkeit der Schrift, sondern auch auf Schönheit, Harmonie und Formerfahrungen vorangegangener Schriften.

Hildegard Korger (geboren 1935) gibt in ihrem Standardlehrbuch „Schrift und Schreiben” eine Anleitung für Fortgeschrittene zum Erlernen des römischen Alphabets auf der Trajanssäule mit reicher Bebilderung und ausführlicher Beschreibung.

Die Vergrößerung der berühmten Steintafel auf einer Doppelseite hat ihre eindrucksvolle Wirkung auch bei Walter Ohlsen (1911–1980) in seinem Schriftfachbbuch „MONUMENTALSCHRIFT. MONUMENT. MASS. Proportionierung des Inschriftalphabets und des Sockels der Trajanssäule in Rom”.

Ohlsen, Vermesser des Sockels und der Inschrift der Trajanssäule, hat die fehlenden Buchstaben H, J, K, U, W, Y, Z rekonstruiert. Seine überraschenden Ergebnisse der Untersuchungen geometrischer Form- und Proportionszusammenhänge machen das römische Monument und seine lateinische Inschrift nach 1900 Jahren zum neuen Abenteuer der Forschung.

„Kühn und wuchtig, logisch und überpersönlich stehen die Buchstaben der Trajanssäule vor uns. Sie sind ein letzter Glanz antiker Kultur, sind die reifsten, köstlichsten Früchte der vorangegangenen Schriftentwicklung, die prachtvolle Krönung eines vieltausendjährigen Ringens um die schriftliche Ausdrucksform.”

Diese beeindruckende, treffliche Würdigung übernahm Ohlsen von Albert Kapr (1918–1995).

Auch die Schriftgestalterin Renate Tost (geboren 1937) setzt sich für Formklarheit, überschaubares Gestalten der Figuren Wortbild, Zeile und Block sowie eine ganzheitliche Bewegungsgestalt ein, mit dem Ziel einer stilvoll schönen Schrift.

Die Schöpferin der Schulausgangsschrift spricht sich für die Bewahrung und Vervollkommnung der Schreibschrift in unseren Schulen aus. Die in Stein gemeißelte Klarheit der noch heute gültigen Schrift auf der Trajanssäule bleibt das Leitbild für schönes Schreiben, ein Ausdruck der Schönheit in unserer Kultur.

Literatur
  • Hildegard Korger: Schrift und Schreiben. Leipzig 1991
  • Walter Ohlsen: Monumentalschrift. Monument. Maß. Hamburg 1981
  • Albert Kapr: Schriftkunst. Geschichte, Anatomie und Schönheit der lateinischen Buchstaben. Berlin 2006
  • Renate Tost: Innen und außen. Großbuchstaben mit der Schere gestalten. In: Die Grundschulzeitschrift 69/1993
  • Renate Tost: Dilettantisches Herumbasteln an der Schrift, in: Deutsche Sprachwelt, Ausgabe 49, Herbst 2012, S. 3

Der Verfasser dankt Frau Dr. Renate Tost für die Idee und fachliche Beratung und
Frau Dr. Elfriede Wihsgott-Heinze für die Farbaufnahmen.

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