Verstand zeigt sich im klaren Wort

Unsere Sprache – Beiträge zur Geschichte und Gegenwart der deutschen Sprache. Schriftenreihe der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft zu Köthen/Anhalt, Band 4: Verstand zeigt sich im klaren Wort, Köthen 2011, S. 3-5

Der Denkspruch dieses Bandes ist fast zweieinhalbtausend Jahre alt. Es ist ein Ausspruch des griechischen Dichters Euripides (etwa 480–406 v. Chr.) in der Tragödie „Orestes”.

Der Tragödiendichter der Antike läßt den Gott Apollon nach einem Rachemord des Orestes weitere Gewalttaten verhindern. Dieser vom Bühnenhimmel schwebende „Gott aus der Maschine” (Deus ex machina) führt das Drama zu einem guten Ende.

Euripides erwägt Menschlichkeit und Erhabenheit in einer Zeit der Kriege und der Gewalt durch Vernunft und Verstand.

Der Sinnspruch „Verstand zeigt sich im klaren Wort” wird dem Anliegen der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft gerecht, wenn wir uns Entstehung und Bedeutung des deutschen Wortes „Verstand” vergegenwärtigen. Die heutige Bedeutung ist: Fähigkeit zu denken und zu urteilen.

Das althochdeutsche Wort „firstant” bedeutet Weisheit und das frühneuhochdeutsche Wort „verstant” Verständnis und Verständigung. So bleiben wir auf unsere Weise mit der griechischen Mythologie, einer der Wurzeln unserer europäischen Kultur, verbunden.

Der Band 4 ist getreu dem Aufbau dieser Schriftenreihe der Mitgliedsnummer 4 in dem Gesellschaftsbuch, dem Köthener Erzschrein, gewidmet. Herzog Friedrich von Sachsen-Weimar (1596–1622) erhält als Gründungsmitglied von seinem Onkel und erstem Oberhaupt der Fruchtbringenden Gesellschaft, Fürst Ludwig I. von Anhalt-Köthen, den Gesellschaftsnamen „der Hoffende” und als Wahlspruch „Es soll noch werden” verliehen.

Als Sinnbild wird ihm „eine halbreife Kirsche, an dem Baum hangende” zugedacht. Nach seinem Studium in Jena beginnt Herzog Friedrich im Herbst 1617 seine Grand Tour. Diese Bildungsreise der Söhne des europäischen Adels und später des gehobenen Bürgertums führt ihn bis 1619 durch Frankreich, Großbritannien und die Niederlande.

Der Hoffende sollte nur 26 Jahre alt werden, denn als Oberst fällt er im Jahr 1622 auf einem Schlachtfeld des Dreißigjährigen Krieges.

Das Recht liegt unterdrückt, die Tugend ist gehemmt,
die Künste sind durch Kot und Unflat überschwemmt,
die alte deutsche Treu hat sich hinweg verloren,
der Fremden Übermut, der ist zu allen Toren
mit ihnen eingerannt, die Sitten sind verheert,
was Gott und uns gebührt, ist alles umgekehrt.

So empfindet Martin Opitz (1597–1639), Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft seit 1626, den geistigen Zustand der deutschen Kulturnation in seinem „Trostgedicht in Widerwärtigkeit des Kriegs”.

Ebenso wach verfolgt die Neue Fruchtbringende Gesellschaft sprachliche und kulturelle Verfallserscheinungen. In seiner Rede zur deutschen Sprache beanstandet Hans Joachim Meyer: „Man ersetzt das Eigene durch Fremdes, um sich als ‚modern’ zu präsentieren. Das zeigt ja auch die deutsche Sprachgeschichte und ihr Ringen um das richtige Wort, insbesondere, wenn dies verbunden war mit dem Konflikt darüber, ob die deutsche Sprache zu schöpferischen Leistungen auf höherer Ebene überhaupt fähig sei.”

Meyers Wissenschaftsgebiet ist die englische Sprache und Literatur. Klare Worte richtet er an den Verstand scheinbar „von Blindheit geschlagener Geisteswissenschaftler”, „realitätsblinder Germanisten” und eines „irrenden Universitätspräsidenten”.

Unser Festredner am Tag der deutschen Sprache berichtigt Irrtümer in bezug auf: die Lingua franca, die akademischen Gradbezeichnungen Bachelor und Master, die deutsche Wissenschaftssprache und die autonome Entwicklung der Sprache.

Die Wortwahl und die Kraft der Wortbildung seien die Quellen einer lebendigen Sprache.

Wie reimt doch der Dichter Georg Rudolf Weckherlin (1584–1653), der die zweite Hälfte seines Lebens bis zum Ende in England im hohen Staatsdienst tätig war, in seinem Gedicht „Erklärung”:

Ihr mischet Deutsch, Welsch und Latein
(doch keines rein),
euern Verstand nicht zu lang zu verhählen:
und sagt mit zu witziger Schmach,
daß ich verdörb die deutsche Sprach,
weil ich nicht mag fremde Wort (wie ihr) quälen.

Die „Sprachen in Gesprächen mit dem Kind nicht zu vermischen” das ist eine Regel des Elternpaares unterschiedlicher Muttersprache, Hermann H. Dieter und Michèle Dieter, bei der zweisprachigen Erziehung ihrer Kinder.

Von der Geburt an hört das Geschwisterpaar seine Mutter nur Französisch und seinen Vater nur Deutsch sprechen. Nach ihren Erfahrungen ist es möglich, Kinder von der Geburt an, in „eine perfekte aktive und passive Bilingualität” hineinwachsen zu lassen.

Das sind Möglichkeiten, sprachlich zu schwimmen statt unterzugehen. Hermann und Michèle Dieter warnen vor der „frühkindlichen Fixierung auf das Englische” auf Kosten aller anderen europäischen Landessprachen.

Sie bemängeln die fehlende Unterstützung der echten Zweisprachigkeit der Kinder zweisprachiger Paare in der neuen Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit der Europäischen Union.

Die Kritik an der Wirkungslosigkeit und dem geringen Erfolg der Programme für Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten und Schulen erfährt Zustimmung durch Jurij Brankačks Vortrag über Hirnmechanismen des frühkindlichen Spracherwerbs.

Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen werden die „Weichen für die zukünftige Sprach- und Sprechfähigkeit der Kinder … bereits im ersten Lebensjahr gestellt, und die Intensität der Kommunikation im ersten Lebensjahr bestimmt darüber, wie gut die Kinder später sprechen werden und wie leicht oder wie schwer ihnen das Erlernen von Sprachen fallen wird.”

Die frühkindliche Ausbildung des Verstandes, des Denkens, das heißt des Wissens um die Bedeutung der Wörter und Begriffe beginnt bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Sprachförderlehrerin Margund Hinz hat aus ihren schulgeschichtlichen Forschungen die preußischen Kleinkinderschulen als Thema für den Köthener Sprachtag 2010 ausgewählt.

Frühzeitig erkennt der Lehrer Julius Fölsing die Bedeutung dieser Schulen für die „Entwicklung der Sprachkraft”: „Die Aussprache der Kinder wird verbessert, sie müssen Wörter und Sätze ordentlich ausdrücken und selbst denken lernen.”

Johann Friedrich Oberlin im Elsaß, Julius Fölsing in Darmstadt und Friedrich Gustav Dinter in Königsberg sind Wegbereiter.

Den Wahlspruch des Hoffenden „Es soll noch werden” verwirklicht die Neue Fruchtbringende Gesellschaft auch mit ihrem jährlichen Schülerschreibwettbewerb „Schöne deutsche Sprache”, dessen Beiträge von kindlicher Verstandesbildung künden.

Diese ist das Ziel der Vortragenden des 4. Köthener Sprachtages. Doch lesen Sie zuerst die Rede zur deutschen Sprache 2010 von Hans Joachim Meyer – Verstand zeigt sich im klaren Wort.

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